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25. Februar 2026

Apotheker ohne Grenzen setzt auf holistische Pharmazie

Service | PHOENIX
Apotheker ohne Grenzen setzt auf holistische Pharmazie

Die Landesorganisationen von Apotheker ohne Grenzen (AoG) in Österreich und Deutschland arbeiten immer wieder in Krisenregionen weltweit mit lokalen Partnern vor Ort zusammen. Dabei kommt einer holistischen Pharmazie, die Gesundheitsversorgung über Arzneimitteltherapie hinausdenkt, zentraler Stellenwert zu, sagen Mag. pharm. Irina Schwabegger-Wager (Österreich) und Mag. pharm. Eliette Fischbach (Deutschland) im Gespräch mit PHOENIXprint.

Können Sie kurz Ihre jeweilige Rolle bei Apotheker ohne Grenzen skizzieren?

Mag. pharm. Eliette Fischbach: Ich arbeite seit 2011 bei Apotheker ohne Grenzen (AoG) in Deutschland und fungiere seit 2016 als Geschäftsführerin. Dabei verantworte ich einerseits das operative Geschäft, andererseits koordiniere ich die Zusammenarbeit zwischen den ehrenamtlichen Vorstandsmitgliedern und den hauptamtlichen Mitarbeiter:innen der Geschäftsstelle.

Mag. pharm. Irina Schwabegger-Wager: Ich arbeite für AoG seit der Gründung der Organisation in Österreich im Jahr 2017 und bin seither auch Vorstandsvorsitzende.

Wie ist Apotheker ohne Grenzen entstanden? Welche Mission und Vision hat die Organisation?

Schwabegger-Wager: Tatsächlich hatten ich und meine Stellvertreterin zum Zeitpunkt der Gründung von AoG Österreich die Idee für einen österreichischen Verein schon lange mit uns herumgetragen. Wir haben bei der Gründung sehr viel Unterstützung von unseren deutschen Kollegen erfahren und auch bei den ersten Ausbildungsmodulen wesentlich Support bekommen. Zu Beginn konnten wir 25 Interessierte um uns scharen, heute haben wir 160 Mitglieder. Unsere Mission ist es dafür zu arbeiten, dass der niederschwellige Zugang zu Arzneimitteln und medizinischer Versorgung ganz allgemein kein Privileg sein darf. Hinsichtlich des Rechts auf pharmazeutische Versorgung liegt weltweit noch sehr viel Arbeit vor uns.

Fischbach: Diese Vision teilen wir hier in Deutschland: Im Jahr 2000 gründeten 35 Apotheker:innen

den gemeinnützigen Verein Apotheker ohne Grenzen Deutschland e.V. – mit der Vision, durch ihr pharmazeutisches Wissen weltweit zur Verbesserung der Gesundheit aller Menschen beizutragen. Wie aktuell in Österreich basierte die Arbeit lange komplett auf dem ehrenamtlichen Engagement der Mitglieder. Hauptberufliche Mitarbeiter:innen kamen erst etwa nach acht bis zehn Jahren dazu; bei unserer Gründung hatten wir also 35 Mitglieder, heute sind es gut 2.400.

Welche Bedeutung hat die internationale Zusammenarbeit innerhalb der Organisation?

Fischbach: Ursprungsland der Idee ist wie bei Ärzte ohne Grenzen Frankreich. Dort wurde das erste PSF (Pharmaciens Sans Frontières) gegründet und aus dieser Idee heraus gründeten sich weltweit viele unabhängige Einzelorganisationen, die heute in einem Netzwerk miteinander in Verbindung stehen. Das ist die eine Ebene unserer internationalen Zusammenarbeit, auf der allerdings nicht die gemeinsame Projektarbeit im Vordergrund steht, sondern der fachliche Austausch. Über dieses Netzwerk treten wir auch gegenüber der WHO und anderen internationalen Organisationen wie der FIP (International Pharmaceutical Federation) auf. Konkret arbeiten wir auf internationaler Ebene vor Ort mit lokalen oder auch internationalen Partnerorganisationen – etwa German Doctors – zusammen; und zwar immer auf Augenhöhe, das istfür uns zu jeder Zeit von zentraler Bedeutung. In der Nothilfe wiederum ist der partnerschaftliche Ansatz und die Zusammenarbeit mit vielen spezialisierten Organisationen enorm wichtig, um effektiv helfen zu können: Pharmazeutische Fachkräfte müssen hier Hand in Hand mit Mediziner:innen arbeiten, aber auch Wasser und Sanitär müssen mitgedacht werden, um erfolgreich und umfassend Hilfe leisten und letztlich Menschenleben retten zu können.

Schwabegger-Wager: Korrekt, dem schließe ich mich an. Aus unserer Sicht ist beispielsweise Sonne International ein Kooperationspartner, der in Indien Hilfsprojekte im schulischen Bereich und mittels Gesundheitsstationen umsetzt. Bei einer dieser Gesundheitsstationen übernehmen wir die Verantwortung für die Apotheke, die rund 5.000 Personen versorgt. Anders ausgedrückt sind NGOs, die sich vor Ort auskennen, mit den Gepflogenheiten vertraut und gut vernetzt sind, für das Gelingen von Projekten essenziell. In dieser Hinsicht sind wir bei unserem Projekt in der Ukraine zu Beginn auf große Herausforderungen gestoßen, weil wir unser Netzwerk vor Ort selbst aufbauen mussten, um – was in Kriegszeiten besonders wichtig ist – sicherstellen zu können, dass die Arzneimittel und pharmazeutischen Produkte auch wirklich dort ankommen, wo sie ankommen sollen und nicht irgendwo in einer Garage oder Lager verrotten.

Welche Auswahlkriterien liegen den Einsatzorten und Projektpartnern zugrunde?

Schwabegger-Wager: Bisher sind Partner mit spezifischen Projektideen immer mit uns in Kontakt getreten. Wenn wir die entsprechenden Projektunterlagen erhalten haben, prüfen wir sie anhand unseres Kriterienkatalogs etwa hinsichtlich der Sicherheitslage vor Ort und der längerfristigen Machbarkeit und bereiten sie zur Entscheidungsfindung für den Vorstand auf. Am Ende ist es immer der Vorstand, der ein Projekt bewilligt.

Fischbach: In Deutschland sind die Wege sehr ähnlich. Wir haben ein entsprechendes Projektantragsformular für potenzielle Partner auf unserer Website zum Download verlinkt. Wie in Österreich prüfen wir Anträge und Anfragen ebenfalls gemäß einem Kriterienkatalog. Kurz: Wir prüfen, ob unsere pharmazeutische Kompetenz einen konkreten Mehrwert bieten kann, und wenn ja, ob ausreichend finanzielle und personelle Ressourcen verfügbar sind. Uns ist es wichtig, dass wir halten können, was wir unseren Partnerorganisationen versprechen, dass wir mit unserem Einsatz eine Lücke schließen und einen Impact generieren können. Was aber in jedem Fall von vornherein mitgedacht wird, ist die Exit-Strategie, also der Zeitpunkt, wann wir aus dem Projekt wieder aussteigen und an die Projektpartner vor Ort übergeben.

Welches neue Projekt gibt es in Deutschland/Österreich? Mit welcher Zielsetzung und zu welchem Anlass wurde es konzipiert?

Fischbach / Schwabegger-Wager: Gemeinsam unterstützen wir aktuell im Großraum von Aleppo (Syrien) mobile Kliniken, um einen möglichst niedrigschwelligen Zugang zur Gesundheitsversorgung zu gewährleisten. Die Möglichkeit, dort aktiv zu werden, hat sich durch die politischen Veränderungen Ende 2024 ergeben. Wir freuen uns sehr darüber, hier den Wiederaufbau der dortigen Gesundheitsstrukturen unterstützen zu können.

Welche strategischen Ziele hat die Organisation für die kommenden Jahre? Welche Vision für eine gerechtere globale Gesundheitsversorgung?

Fischbach / Schwabegger-Wager: Wir streben vor allem weiterhin den wechselseitigen pharmazeutischen Wissensaustausch an, um auf diese Weise Wissen weiterzugeben und das spezifische Wissen aus anderen Ländern wiederum für weitere Projekte beziehungsweise in weiteren Projekten anzuwenden. Es geht um den gegenseitigen Respekt, der immer und überall notwendig ist. Ziel ist und bleibt, allen Menschen ein Leben in Gesundheit zu ermöglichen, indem wir uns weltweit für den gleichberechtigten Zugang zur Gesundheitsversorgung einsetzen: Gesundheit ist ein Menschenrecht.

 

Mag. pharm. Irina Schwabegger-Wager

 Mag. pharm. Irina Schwabegger-Wager ist studierte Pharmazeutin, seit 1994 hauptberufliche Apothekerin im nördlichen Waldviertel und seit 2017 Gründungsmitglied und Vorstandsvorsitzende von Apotheker ohne Grenzen Österreich. www.apothekerohnegrenzen.at

Mag. pharm. Eliette Fischbach

 Mag. pharm. Eliette Fischbach hat einen Abschluss in kultureller Anthropologie, absolvierte ein Aufbaustudium zum Master Humanitarian Assistance und leitet als Geschäftsführerin seit 2016 Apotheker ohne Grenzen Deutschland. www.apotheker-ohne-grenzen.de

 

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Foto QF: (c) Apotheker ohne Grenzen Deutschland e.V.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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