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07. Juli 2021

„Millionen Impfdosen werden nicht nebenbei geliefert!“

Apotheke
„Millionen Impfdosen werden nicht nebenbei geliefert!“

Seit bald fünf Jahren leitet Dr. Monika Vögele als Generalsekretärin die Geschäftsstelle der PHAGO. Im Interview mit unserem Kundenmagazin PHOENIX print berichtet Dr. Monika Vögele über die aktuelle Aufgabe der PHAGO.

PHOENIX print: Was bedeutet die Abkürzung PHAGO eigentlich?

Vögele:PHAGO steht für Pharmagroßhandel, wobei es eigentlich PHAGRO heißen müsste. Aber unser deutsches Pendant heißt bereits PHAGRO, deshalb heißen wir PHAGO.

PHOENIX print: Seit wann gibt es den Verband der österreichischen Arzneimittel-Vollgroßhändler und was genau sind die Aufgaben des Verbandes?

Vögele: Den Verband gibt es seit 1955, wobei der Verein damals Arge Pharmazeutika – Arbeitsgemeinschaft des pharmazeutischen Großhandels hieß. 2014 erfolgte die Umbenennung in PHAGO – Verband der österreichischen Arzneimittel-Vollgroßhändler. Der Vereinszweck ist in den Statuten definiert und zwar geht es um die Wahrung und zulässige Förderung der wirtschaftlichen, rechtlichen und beruflichen gemeinsamen Interessen seiner Mitglieder. Das geschieht unter Wahrung des Wettbewerbsrechts.

PHOENIX print: Wofür engagiert sich der Verband im Einzelnen?

Vögele: Gemeinsam ist man stärker und kann die Interessen gegenüber der Behörde, dem Gesetzgeber und der Sozialversicherung besser artikulieren. In diesem Sinne machen wir Medienarbeit, Lobbyingarbeit und wir schaffen bei den Entscheidungsträgern Bewusstsein für die Aufgaben des Großhandels als Rückgrat der Arzneimittelversorgung. Die PHAGO entsendet Mitglieder zu Arbeitsgruppen, z. B. zur Taskforce Lieferengpässe, die vom BASG eingerichtet wurde, oder zur Arbeitsgruppe Covid-Therapie und Arzneimittelmanagement oder zu diversen Impfstofflogistiken oder zur Arbeitsgruppe zur Bevorratung von versorgungskritischen Arzneimitteln. Wir sind auch bei Informationsplattformen vertreten, z. B. bei der Pharmaplattform der Gesundheit Österreich GesmbH., oder beim Pharmaausschuss der Wirtschaftskammer. Und wir haben Jour fixe Termine mit anderen Stakeholdern z.B. mit der Apothekerkammer.

Alarm bei Fälschungsverdacht

PHOENIX print: Die PHAGO hat auch die Umsetzung der EU-Arzneimittelfälschungsrichtlinie mitgetragen.

Vögele: Das war vor Beginn der Pandemie ein wichtiges gemeinsames Thema! Die PHAGO ist Mitglied in der AMVO, das ist die Organisation zur Umsetzung der Arzneimittelfälschungsrichtlinie in Österreich. Die Scharfschaltung des Systems, sprich wenn es zu einem Alarm kommt und die Packung nicht abgegeben werden darf, ist noch nicht vollzogen worden, weil jetzt während der Covid-Zeit die Rahmenbedingungen dafür nicht passend sind. Auch jetzt schon schlägt das System bei Fälschungsverdacht Alarm, dann wird genau hingeschaut und die Ursache recherchiert. Fälschungen werden somit bereits jetzt verhindert, damit ist der Zweck erfüllt. Großhändler müssen die Waren übrigens nur scannen, wenn diese nicht direkt vom Hersteller oder einem vom Hersteller beauftragten Großhändler bezogen werden. Wenn beim Großhändler Alarme auftreten, dann sind das meistens technische Probleme oder Missverständnisse.

PHOENIX print: Wer sind die Mitglieder bei PHAGO?

Vögele: 1990 waren 13 Unternehmen Mitglied des Vereins, aktuell sind wir bei fünf ordentlichen Mitgliedern, also Arzneimittelvollgroßhändlern, zusätzlich gibt es noch ein Mitglied, das kein Vollgroßhändler ist. Es gibt viele Unternehmen, die die Konzession für den Arzneimittelgroßhandel haben, das kann auch eine Apotheke sein. Die fünf Vollgroßhändler in Österreich unterscheiden sich von diesen Unternehmen dadurch, dass sie das komplette Spektrum des Apothekensortiments auf Lager haben und bei Verfügbarkeit liefern können. Dafür gibt es im Arzneimittelgesetz eine eigene gesetzliche Definition mit drei relevanten Aspekten: Vollgroßhändler ist ein Unternehmen, das aufgrund ausreichender Lagerhaltung, Sortimentsgestaltung und Versorgungsbereitschaft in der Lage ist, die Arzneimittelversorgung in einem bestimmten Gebiet sicherzustellen. Es ist somit unser gesetzlicher Auftrag, die Arzneimittelversorgung sicherzustellen. Deshalb werden wir vom Innenministerium als kritische Infrastruktur eingestuft.

Europaweit aktiv

PHOENIX print: PHAGO ist Mitglied des europäischen Dachverbandes der Pharmazeutischen Großhändler - GIRP. Welche Mitsprachemöglichkeiten ergeben sich daraus in Bezug auf die gesamteuropäische Situation im pharmazeutischen Großhandel?

Vögele: PHAGO nimmt an Konferenzen, Arbeitsgruppen und Umfragen teil und kann Positionspapiere mitgestalten. Der Präsident der GIRP ist Bernd Grabner, der zugleich Vizepräsident der PHAGO ist – da haben wir einen engen Austausch. Über die GIRP ist es möglich, die Position des Großhandels in EU-Regulatorien einzubringen. Aktuell gibt es beispielsweise eine Konsultation über die General pharmaceutical Legislation, weil sich die Europäische Kommission im Lichte der Pandemie die Regelungen genauer anschaut. Da bringt sich GIRP aktiv ein. Unter anderem geht es um die Lieferengpässe.

PHOENIX print: Welche Herausforderungen ergaben sich durch die Covid-19-Pandemie für den pharmazeutischen Großhandel?

Vögele: Die Herausforderungen sind gewaltig und der pharmazeutische Großhandel ist extrem gefordert. Im März 2020, als es begann, gab es einen nie dagewesenen Ansturm auf die Apotheken. Im Hintergrund musste der Großhandel in einem enormen Kraftakt dafür sorgen, dass der Nachschub stimmt. Gefolgt war dieses Ereignis von einem immensen Rückgang bei der Nachfrage nach Arzneimitteln. Die Planungen kamen total durcheinander und der Großhandel musste extrem flexibel sein. Dann folgte ein Run auf Schutzmasken und Desinfektionsmittel; im Herbst wiederum ein Run auf die Influenzaimpfung – es war eine große Challenge, da Nachschub zu bekommen. Zuletzt der Run auf Asthmasprays, weil in einem Fachmagazin stand, dass diese bei einer Covid-Erkrankung helfen könnten. Die Nachfrage stieg sofort um das Dreibis Vierfache.

Kältelogistik für die Pandemie-Bekämpfung

PHOENIX print: Seit Anfang des Jahres wird die Bevölkerung gegen das Corona-Virus geimpft. Wie unterstützt der pharmazeutische Großhandel die österreichweite Impfkampagne?

Vögele: Die fünf Arzneimittelvollgroßhändler wurden vom Bund beauftragt, die Distribution der Covid-Impfstoffe zu übernehmen. Mittlerweile wurden 2,8 Millionen Dosen von unseren Mitgliedern an Impfstellen ausgeliefert (Stand Ende April 2021, Anm.). Damit sind vielerlei Herausforderungen verbunden, z. B. die Lagerung bei minus 70 Grad, die für den Impfstoff von Biontech/Pfizer einzuhalten ist. Der Moderna-Impfstoff ist bei minus 20 Grad zu lagern. Und es ist nicht nur der Impfstoff bereitzustellen, sondern der Großhandel muss ein ganzes Paket schnüren. Da sind Nadeln und Spritzen dabei, Drucksorten und Batch-Aufkleber und bei Biontech/Pfizer auch noch Natriumchlorid. Die Arbeit ist zeitkritisch, weil die Impfungen bei den Impfstellen vorgeplant sind.

PHOENIX print: An wen wird der Impfstoff geliefert?

Vögele: Der Großhandel beliefert entweder die Impfstellen oder Apotheken. Der niedergelassene Bereich der Hausärzte wiederum bekommt dann den Impfstoff aus der Apotheke.

PHOENIX print: Welche technischen Herausforderungen ergaben sich?

Vögele: 2,5 Millionen Impfdosen werden nicht so nebenbei geliefert! Für die minus 70 Grad-Lagerung z.B. braucht man eine Ultra-Tiefkühllogistik, diese musste bei der Behörde beantragt werden, weil dadurch eine Erweiterung einer bestehenden Bewilligung erfolgt. An 17 Standorten werden diese minus 70-Grad-Impfdosen gelagert, alle benötigten diese Erweiterung. Die Genehmigung der Behörde, die Anschaffung der Kühlschränke und das Handling mit Trockeneis – all das musste von den Großhändlern erledigt werden. Das System wird laufend erweitert. Die Zusammenarbeit funktioniert super, alle damit befassten Mitarbeiter sind hochmotiviert und zeigen ein großes Engagement. Jeder schaut mit persönlichem Einsatz, dass es funktioniert. Damit macht es Spaß, bei so einem Projekt mitzuarbeiten.

Callcenter haben viel zu tun

PHOENIX print: Wie lief die Ausgabe der Covid-19- Antigen-Selbsttests an die Apotheken?

Vögele: Der Verband hat dabei nur eine Koordinierungsfunktion und im Detail keinen Einblick. Zum einen gab es die Schutzsets, die den Apotheken vom Bund zur Verfügung gestellt wurden. Dann die Antigentests, die sogenannten Wohnzimmertests, die aktuell nach wie vor eine Herausforderung sind. Jeder kann ja seit März fünf Stück dieser Tests pro Monat in der Apotheke abholen. In der Anfangszeit, bis es angelaufen ist, war das sehr ressourcenaufwändig

Porto teurer als Spanne für eine Packung

PHOENIX print: Blick in die Zukunft: Welche Herausforderungen hat der pharmazeutische Großhandel als nächstes zu bewältigen?

Vögele: Abseits der Pandemie sind die Herausforderungen nach wie vor da. Zum einen die Spanne des Großhandels, die nicht mehr den Gegebenheiten entspricht. Die Regelung stammt aus dem Jahr 2004 und ist veraltet. Es gibt heute viele billige Arzneimittel, wo die Spanne des Großhandels nicht kostendeckend ist, und viele extrem teure, wo der Großhandel nur eine fixe Gebühr bekommt, die auch nicht dessen Risiko und Leistung abdeckt. Eine Anpassung an die neuen Gegebenheiten ist notwendig, um die Arzneimittelversorgung im gesamten Spektrum auch in Zukunft sicherstellen zu können. Nur ein Vergleich aus dem alltäglichen Leben: Das normale Porto für einen Standardbrief beträgt 85 Cent. Der Großhändler liefert zwei Drittel aller Arzneimittel für eine Spanne, die niedriger ist als die Kosten für eine Briefmarke. Und das passt einfach nicht.

PHOENIX print: PHAGO fordert eine bedarfsgerechte Belieferung wie in Deutschland. Was ist darunter zu verstehen?

Vögele: Viele Präparate werden vom Hersteller direkt an die Apotheke geliefert. Wir sprechen bei dieser Direktbelieferung von einem Umsatz von jährlich 900 Millionen Euro, der nicht über den Großhandel geht. Damit fällt dem Großhandel eine wichtige Grundlage weg. Deshalb fordern wir eine bedarfsgerechte Belieferung. Der Hersteller kann die Apotheke direkt beliefern, aber er soll auch den Vollgroßhandel beliefern.

Zur Person:

Die Juristin Monika Vögele leitet seit 2016 den Verband der österreichischen Arzneimittelvollgroßhändler PHAGO. Erstmals steht eine Frau an der Verbands-Spitze. Die studierte Juristin Vögele war zuletzt stellvertretende Leiterin der Präsidial-, Personal- und Verwaltungsabteilung der Österreichischen Apothekerkammer, ist Lektorin an der Universität Wien und ist als Rechtsanwältin tätig.

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